Wenn ein Marienkäfer das Nest verlässt

Greta Gerwig erzählt in ihrem Regiedebüt die Geschichte einer eigenwilligen jungen Frau und begeistert. Ohne Ausschweifungen aber mit viel Liebe zum Detail. Ohne das Belächeln der Pubertät aber mit viel Humor.

Bald ist das letzte Schuljahr vorbei. Das stört Christine, die sich selbst den Namen „Lady Bird“ (übersetzt Marienkäfer) gegeben hat, nicht weiter. Die katholische Mädchenschule in Sacramento ist ohnehin zu klein für die Freidenkerin und ihre Ideen. Kalifornien hat der jungen Frau einfach nichts mehr zu bieten. Sie will Kultur und Querdenker und die findet man (so glaubt sie) im Osten des Landes. New York, Connecticut oder New Hampshire würden sich perfekt für die Collegezeit eignen. Mit ihrer Idee von einem Studium im Norden kann Lady Bird ihre Mutter nicht begeistern. Seit ihr Vater seine Anstellung verloren hat, ist das Geld im Hause der Familie McPherson knapp – auch, wenn die Mutter Doppelschichten im Krankenhaus leistet.

Lady Bird (Saoirse Ronan) ist eine junge, herausragende Frau, die auf der Suche nach sich selbst gegen so manche Wand rennt, auf die sie zuvor noch die Namen ihrer Liebhaber geschrieben hat. Zwischen eigenbrötlerischem „Künstlerdasein“ und zu den coolen Kids gehören wollen. Zwischen selbstbewusstem Auftreten und naivem Umhertorkeln. Sie ist eine trotzige und sture Frau und gleichzeitig ein sensibles und naives Mädchen. Innerhalb weniger Sekunden empfindet sie Trauer, Freude, Wut und Begeisterung und lässt sich dennoch nie von ihren Gefühlen einholen. Es gibt keine Szene, in der Lady Bird weinend in ihrem Bett sitzt und in einem Kübel Eis den Sinn des Lebens sucht. Und das obwohl Lady Birds Herz mehrere Male gebrochen wird. Mal von einem netten Kerl (Lucas Hedges), mit dem alles toll laufen würde, wenn er nicht homosexuell wäre, und mal von einem jungen Wichtigtuer (Timothée Chalamet), der Zigaretten raucht und sich gerne gebildet gibt.

Der Film berichtet nicht nur von den gebrochenen Herzen der Jugendlichen, sondern erzählt auch die Geschichte der elterlichen Herzen. Die sind gefangen in ihren finanziellen Möglichkeiten, mit dem Wunsch ihren Kindern alles ermöglichen zu können und dem Frust des Scheiterns, an der von ihnen selbst auferlegten Aufgabe. Lady Bird  stößt ihre Eltern – vor allem ihren Vater (Tracy Letts) – sehr unsanft vor den Kopf.  Elterliche Liebe und kindliches Herumtrampeln auf Gefühlen werden unglaublich schön beschrieben.

Greta Gerwig fängt mit ihrem Coming of Age Film „Lady Bird“ die Szenerie des Erwachsenwerdens perfekt ein. Sie erzählt eine wundervolle Geschichte einer jungen Frau, die zwischen den Stühlen steht. Dabei verzichtet die Regisseurin auf jede Art des Klischees und schafft es, humorvoll zu erzählen ohne die Sorgen und Probleme der Pubertierenden ins Lächerliche zu ziehen. Die Handlung des Films und die aufgegriffenen Themen sind per se nichts Neues:  Ein Mädchen in der Pubertät, ihre erste Liebe und die Enttäuschungen der Jugend. Es ist die Art der Erzählung, die Greta Gerwig wählt, die den Film zu etwas Besonderem machen.  Sie vermittelt eine unglaubliche Vielzahl an Emotionen ohne zu dramatisieren. Keine Szene bleibt zu lange stehen und trotzdem hat man als Zuschauer das Gefühl, durch den Film getragen und nicht gezerrt zu werden. Perfektes Timing.

„Lady Bird“ weiß zu begeistern. Man lässt sich mitreißen – und glaubt der Schauspielerin jedes Gefühl und der Regisseurin jedes Wort.

Veröffentlicht von

Jara Majerus

Journalismus-Studentin / Wien